Wege durch die Geschichte zur Gegenwart

Wir unternehmen thematische Stadtspaziergänge unter interkulturellen Aspekten. Dabei werden historische Orte mit Bezug zu Kolonialismus, Rassismus und Migrationsgeschichte erkundet. Die Teilnahme ist für alle offen, schwerpunktmäßig ist es für Migrant*innen und Geflüchtete gedacht. Unsere Touren gehen durch die Stadt an historischen Punkten vorbei, die wir unter diesen Aspekten gar nicht wahrnehmen. Die erste Runde startete am 30.05.2026.

Jubiläumssäule

Die Tour begann am Stuttgarter Schlossplatz. Die Jubiläumssäule wurde aus Anlass des 25-jährigen Regierungsjubiläums und des 60. Geburtstags von König Wilhelm I. von Württemberg 1841 bis 1846 auf dem Schloßplatz in Stuttgart errichtet. Vier Reliefs sind im Fuß der Säule angebracht, Szenen aus den siegreichen Feldzügen der Württemberger im Krieg der Verbündeten gegen Napoleon I. Sie zeigen Schlachtenszenen aus den siegreichen Feldzügen der Württemberger unter Führung des Kronprinzen Wilhelm als Feldmarschall. Zuvor war Württemberg mit Frankreich verbündet: Von 1806 gegen Preußen, 1809 gegen Österreich und 1812 gegen Russland. Auf Weisung Napoleons im März 1813 wurde erneut mobil gemacht gegen das mit Russland verbündete Preußen. Noch während der Völkerschlacht von Leipzig wechselte Württemberg die Freundschaft zu Preußen und gegen Frankreich.

Nächste Station: Altes Schloss

Der Innenhof des Alten Schlosses war während der Zeit des Nationalsozialismus (1939–1945) ein zentraler Schauplatz für die Verteilung von Zwangsarbeitern. Bei der Auswahl und Verteilung der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter ging es zu wie auf einem Sklavenmarkt. Im Hof des Alten Schlosses und im Hauptbahnhof Stuttgart konnten sich Firmenchefs oder von den Betrieben Beauftragte ‚ihre Arbeitssklaven‘ abholen. Und gleich mitnehmen. Sie wurden oft schlechter behandelt wie Wegwerfware.

Altes Waisenhaus

Die Stadt Stuttgart eröffnete 1712 ein „Waisen-, Zucht- und Arbeitshaus“.Waisenkinder sowie (unverschuldet) in Armut geratene Personen sollten hier aufgenommen, erzogen und vom Betteln abgehalten werden. Die Eigenschaft als Zucht- und Arbeitshaus sollte der Läuterung betroffener „Vaganten, Trunkenbolde, Spieler, boshafter Eheleute, Schwärmer und Fanatiker“ dienen. Im 20. Jahrhundert änderte sich die Nutzung: Am 10. Januar 1917 wurde der Vorläufer des heutigen Instituts für Auslandsbeziehungen gegründet. Das Museum und Institut zur Kunde des Auslandsdeutschtums und zur Förderung deutscher Interessen im Ausland wurde noch im selben Jahr in Deutsches Ausland-Institut (DAI) umbenannt. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 war das DAI vor allem für die Beratung von Auswanderungswilligen, für die Betreuung von Auslandsdeutschen, aber auch für die Organisation von Ausstellungen und die Herausgabe einer Zeitschrift verantwortlich. Das Gebäude im jetzigen Zustand wurde 1924 als „Haus des Deutschtums“ eingeweiht. Die Nazis bemächtigten sich des Auslandsinstituts und propagierten „Rassenpolitik“ und „Eindeutschung“ ausländischer Gebiete. Das DAI half bei Zwangsumsiedlungen, in dem es Karten über die Verteilung der Bevölkerungsgruppen in Osteuropa lieferte. 1943 wurde das DAI, wie die gesamte Volkstumsforschung, der Volksdeutschen Mittelstelle unterstellt. Diese war 1941 zum SS-Hauptamt erhoben worden und damit stand das DAI endgültig unter dem direkten Einfluss der SS und wurde ausschließlich deren Handlungsgehilfe.

Karlsplatz, Reiterdenkmal

Wilhelm I. war ab 1858 Regent und ab 1861 König von Preußen. Der Befürworter einer konservativ-preußischen Politik erhielt wegen seiner Rolle bei der Niederschlagung der Revolution von 1848 den Beinamen Kartätschenprinz. Im späten wilhelminischen Kaiserreich, dessen Gründung nach dem Deutsch-Französischen Krieg er sich bis zuletzt widersetzte, wurde er am 18. Januar 1871 in Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen. Er war von 1871 bis 1888 der erste Kaiser des deutschen Kaiserreichs und gilt als Wegbereiter der deutschen Kolonialpolitik. Unter seiner Herrschaft ist ein Großteil des deutschen Kolonialbesitzes erworben worden. Für den 1888 verstorbenen Kaiser wurde 10 Jahre, später also 1898, dieses Reiterdenkmal aufgestellt. Die Obelisken erinnern an die Schlachten des Deutsch-Französischen Krieges.

Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus

1970 ließ die Stadt Stuttgart das Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus aufstellen. Dabei handelt es sich um ein Ensemble aus vier schwarzen Granitblöcken – als Symbol der Schwere der NS-Zeit – des Oggelshausener Bildhauers Elmar Daucher. Das Mahnmal trägt ein Epigramm des deutschen Philosophen Ernst Bloch.
1933-1945:
Verfemt Verstossen Gemartert
Erschlagen Erhängt Vergast
Millionen Opfer
Der Nationalsozialistischen Gewaltherrschaft
Beschwören Dich:
Niemals wieder!

Hotel Silber

Im Hotel Silber war von 1928 bis 1933 in der Weimarer Republik das Polizeipräsidium Stuttgart zusammen mit der landesweit agierenden Politischen Polizei untergebracht. Danach wurde das Gebäude zum Hauptquartier der NS-Geheimpolizei (Gestapo) für Württemberg und Hohenzollern. In der Nachkriegszeit befanden sich hier verschiedene Dienststellen der von den Alliierten kommunalisierten Polizei. Danach war das Gebäude von 1949 bis 1984 Gefängnisanstalt und Dienststelle der Kriminalpolizei, zunächst unter kommunaler Verwaltung und ab 1973 direkt dem Land Baden-Württemberg unterstellt. Im Dezember 2018 wurde der Erinnerungsort Hotel Silber mit seiner Ausstellung zu Polizei, Gestapo und Verfolgung eröffnet.

Letzte Station StadtPalais

Das StadtPalais ist ein Museum zur Stadtgeschichte Stuttgarts. Es gibt Geschichte und Geschichten zu historischen und neuzeitlichen Vorgängen, kurz, das, was wirklich Stuttgart-typisch ist. 2018 wurde es im Wilhelmspalais eröffnet, dem früheren Wohnsitz des letzten württembergischen Königs Wilhelm II. Ab 1965 war die Stadtbücherei Stuttgart bis 2011 dort untergebracht. Es beherbergt auch eine Abteilung zum Thema Imigration und Gastarbeiter, die zu einem großen Teil zur Stuttgarter Stadtgesellschaft gehören.

Gefördert vom Kulturamt der Stadt Stuttgart